Der beste Jane Austen-Film seit 21 Jahren: Sinn und Sinnlichkeit ist alles, was ihr im Kino vermisst habt

Ganze sechs Jahre ist es her, dass mit Emma eine neue Jane Austen-Verfilmung auf die große Leinwand kam. Mit der historischen Romanze Sinn und Sinnlichkeit von Georgia Oakley (Blue Jean) hat das Warten am 15. Oktober 2026 endlich ein Ende. Hier erfahrt ihr spoilerfrei, wieso die Neuverfilmung des berühmten Stoffes sich richtig lohnt.
Sinn und Sinnlichkeit: Der neue Jane Austen-Film zeigt innige Schwesternschaft und hat auch Zeit für die Liebe
Wie in Jane Austens Roman beginnt Sinn und Sinnlichkeit mit einem Verlust: Nach dem Tod ihres Vaters müssen die Schwestern Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Marianne Dashwood (Esme Creed-Miles) sich neu orientieren. Denn im Testament fallen Anwesen und Vermögen komplett ihrem Halbbruder John aus erster Ehe zu und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als mit ihrer Mutter (Caitriona Balfe) und der jüngsten Schwester Margaret (Bodhi Rae Breathnach) in ein kleineres Haus fernab der Heimat umzuziehen.
Dort werden sie zumindest von Nachbarin Mrs. Jennings (Fiona Shaw) mit offenen Armen empfangen. Als diese von dem zarten Band zwischen Elinor und Edward Ferrars (George MacKay) hört, würde sie am liebsten sofort die Hochzeitsglocken läuten lassen. Während ihre ältere Schwester viel Zurückhaltung übt, verliebt sich die stürmische Marianne nach einem Unfall Hals über Kopf in ihren charismatischen Retter John Willoughby (Frank Dillane) und ignoriert die Aufmerksamkeiten des langweiligeren Colonel Brandon (Herbert Nordrum). Doch nicht alle vorgezeichneten romantischen Pfade führen ans erwartete Ziel.
Schaut hier den Trailer zu Sinn und Sinnlichkeit:
Sinn und Sinnlichkeit war nicht die erste niedergeschriebene Geschichte der berühmten englischen Autorin Jane Austen (diese Ehre gebührt einer frühen Version von Stolz und Vorurteil sowie Northanger Abbey), aber das erste Buch, das 1811 als ihr anonymes Debüt erschien. Der Autorenverweis "von einer Lady geschrieben" war damals noch ungewöhnlich, verhinderte aber nicht den Aufstieg zum Literaturklassiker. Ungebrochen steht historische Romantik nach Austen-Vorbild, wie Netflix' Bridgerton, auch heute weiter hoch im Kurs.
Regisseurin Georgia Oakley würdigt 215 Jahre nach dem Erscheinen von Sinn und Sinnlichkeit das historische Setting und schafft es trotzdem, ihrer Neuadaption eine überzeugend selbstbewusste, weibliche Perspektive abzugewinnen, die auch in der Moderne gut funktioniert. Selten verband ein Film in einer Zeit, in der Emanzipation längst zum guten Ton gehört, die zarte Stärke von Protagonistinnen so gut mit der Idee, dass Romantik davon nicht ausgeschlossen sein muss. Das verdankt die Neuverfilmung dem Drehbuch von Diana Reid ebenso wie dem starken Ensemble.
Daisy Edgar-Jones strahlt: Der neue Film Sinn und Sinnlichkeit könnte nicht besser besetzt sein
Das Wichtigste zuerst: Normal People- und Der Gesang der Flusskrebse-Star Daisy Edgar-Jones wurde dafür geboren, eine Jane Austen-Rolle zu spielen. In ihren dunklen Rehaugen spiegelt sich die Tiefe einer klugen Heroine, die häufig mehr fühlt, als sie ausspricht. Die hierzulande unbekanntere Schauspielerin Esme Creed-Miles (Hannah) bildet dazu ein gelungenes Gegengewicht. Man könnte Sinn und Sinnlichkeit auch "die Introvertierte und die Extrovertierte" nennen, um die glaubhafte Beziehung der ungleichen Schwestern anhand ihrer zurückhaltenden und überschwänglichen Charaktereigenschaften zu beschreiben. Die innige Liebe zwischen ihnen ist bei allen Unterschieden trotzdem spürbar.
Wo die Vorlage es den fehlerbehafteten Männerfiguren mit ihren Geheimnissen nicht leicht macht, als gutes Beispiel für ihr Geschlecht einzustehen, glänzt an der Seite von Edgar-Jones vor allem 1917-Star George MacKay, der sich hinreißend an Edwards Schüchternheit vorbei in unser Herz kämpft. Simple Ambitionen im Leben machen ihn nicht weniger ehrbar.
Großes Lob gebührt außerdem Fiona Shaw, der in Sinn und Sinnlichkeit weit abseits ihrer Paraderolle als Tante Petunia der Harry Potter-Filmreihe der perfekte Grenzgang zwischen unverbesserlicher Klatschbase und warmherziger Kupplerin gelingt. Wenn sie augenzwinkernd und mit sofort ikonischem Lachen den guten englischen Ton des ausgehenden 18. Jahrhunderts ignoriert, lockert ihre Heiterkeit so manche vertrackte Situation auf. So macht Shaw sich die schon mehrfach von anderen verkörperte Rolle zu eigen.
Sinn und Sinnlichkeit muss den Vergleich mit anderen Jane Austen-Filmen nicht scheuen
Unweigerlich muss sich Sinn und Sinnlichkeit als Neuadaption natürlich dem Vergleich mit anderen Verfilmungen von Jane Austen stellen. Allen voran dem auch heute noch zeitlos genialen Klassiker Sinn und Sinnlichkeit (1995) von Ang Lee, der vor 30 Jahren mit Emma Thompson und Kate Winslet in den Hauptrollen den Berlinale-Hauptpreis gewann. Doch das Kunststück der erfolgreichen Abgrenzung gelingt mit kleinen Stellschrauben.
Während Lees Film Elinors Gefühle erst in einem erlösenden Moment am Ende entlädt, schimmert ihr Innenleben in der Neuadaption schon früher durch. Und wo Marianne den steifen Colonel Brandon zuvor völlig ignorierte, darf sie hier mit ihm schon früher diskutieren, was an seinem Credo dran ist, dass leidenschaftliche Menschen Selbstdarsteller sind. Nuanciertere Männerfiguren trotz Frauenfokus, prägnante Nebenrollen (eine herrliche Figur kann ausschließlich übers Wetter reden), Ortswechsel an Strände, wo ikonische Szenen vorher auf Wiesen stattfanden, sowie unerwartet laszive Ballszenen (und sogar eine "Nacktszene") leisten darüber hinaus ihren Beitrag zur Eigenständigkeit.
Auch diese Version von Sinn und Sinnlichkeit greift gelegentlich zur klassischen Untermalung durch ein perlendes Klavierspiel. Aber häufig genug knüpft der Film hörbar eine stärkere Verbindung zur Natur, wenn er Käuzchenrufe und Blätterrauschen zum einzigen Soundtrack erhebt. Diese überzeugende Natürlichkeit setzt sich in authentischen Details fort: schwesterlichen Kabbeleien im Gras, hastig umgebundenen Häubchen bei Besuch oder dem Federballspiel im Haus bei Regentagen. Die gedecktere Farbgebung in Abgrenzung zu den allzu häufig knallgrünen Jane-Austen-Wiesen leistet ihr Übriges, um dem Film seine eigene geerdete visuelle Identität zu verleihen.
Nur an Joe Wrights übergroße Verfilmung Stolz und Vorurteil aus dem Jahr 2005 mit Keira Knightley, die vor 21 Jahren die Austen-Messlatte in unerreichbare Höhen hängte, kommt Sinn und Sinnlichkeit nicht ganz heran. Dario Marianellis Soundtrack bleibt uneingeholt. Und mit der dort geradezu fließenden Kameraarbeit kann Arnaud Potier nicht ganz mithalten, obwohl manch bildhübsche Einstellung und Kameradrehung an den eindrücklichen Vorgänger erinnern.
Die letzten TV- und Streaming-Produktionen wie Netflix' Überredung (2022) mit Dakota Johnson und den vergnüglichen Austen-Kinoausflug Emma (2020) mit Anya Taylor-Joy überholt Georgia Oakleys Film jedoch problemlos mit starkem Selbstbewusstsein dank hinreißender Charakterzeichnung und eigenen Schwerpunkten. Dass hier eine Romanze überzogene Gefühlsvorstellungen hinterfragt und zweite Beziehungen gegenüber der "großen Liebe" verhandelt, fügt sich überraschend leichtfüßig trotzdem zu einem runden Liebesfilm zusammen.
Die Freiheiten, die Georgia Oakley sich vor allem am Ende nimmt, werden vermutlich für Stirnrunzeln bei einigen Austen-Purist:innen sorgen. Doch das leichte Abweichen von der Vorlage verleiht dem Film endgültig eine eigene Identität und ergibt in der Gegenwart so viel Sinn, dass der bezaubernde Film nichts von seiner Sinnlichkeit einbüßt. So verdient sich Sinn und Sinnlichkeit schlussendlich als bezaubernd schöne Adaption einen Platz im Olymp der besten Jane-Austen-Verfilmungen.
Sinn und Sinnlichkeit startet am 15. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.



